Kryptowährungen aus gesellschaftspolitischen Gesichtspunkten – gut oder böse?

By |2018-08-02T08:46:06+00:0018. April 2018|

Die alltägliche Präsenz von Kryptowährungen nimmt stetig zu. Diese dienen zunehmend nicht nur als Spekulationsobjekt, sondern auch als Zahlungsmittel. Wofür braucht aber eine Welt, in welcher jedes Land über eine etablierte Währung verfügt, Bitcoin und Co? Über die Sinnhaftigkeit und die Moral dieser neuen Erscheinung wird in vielen Kreisen kontrovers diskutiert.

Einer der zurecht am meisten kritisierten Aspekte von Kryptowährungen ist der immense Stromverbrauch, welcher durch das Minen zahlreicher Kryptowährungen entsteht. Die Rechenleistung ist notwendig, um das Netzwerk vor sogenannten bösartigen Sybil-Attacken zu schützen. Wie in dem Artikel Kryptowährungen – eine Belastung für die Umwelt? genauer diskutiert, gibt es aber mit anderen Konsens-Mechanismen, wie beispielsweise “proof-of-importance” durchaus Sicht auf Besserung.

Ferner heißt es manchmal, man würde sinnlose Rechenleistung verschwenden, um Coins zu erschaffen, anstatt die Rechenleistung sinnvoll einzusetzen. In der Tat kann die Rechenleistung beim Mining leider nicht ohne weiteres für einen anderen wissenschaftlichen oder gemeinnützigen Zweck genutzt werden. Anfragen für wissenschaftliche Rechenleistung gäbe es genug, wie etwa von der Plattform BOINC, nach Forschungsgebieten geordnet, zur Verfügung gestellt. Diese können aber aus technischen Gründen nicht genutzt werden, da Startzeitpunkt und Schwierigkeit einer Aufgabe genauestens definiert sein müssen.

Nichtsdestotrotz ist die Rechenleistung der Miner nicht sinnlos eingesetzt, denn der tiefere Sinn des Minings ist nicht der, neue Coins zu kreieren. Sondern das Mining dient primär der Findung eines Konsens im Netzwerk und verhindert gleichzeitig die genannten Sybil-Attacken. Insofern ist der Energieverbrauch leider momentan noch sehr hoch, allerdings nicht sinnlos, sondern dient der Sicherheit der Blockchain.

Sind Kryptowährungen Grundlage für kriminelle Handlungen?

Ein weiterer Vorwurf gegenüber Kryptowährungen ist der, dass sie überwiegend von Kriminellen genutzt werden würden – der rechtschaffene Bürger bediene sich natürlich der für ihn vorgesehenen staatlichen Währung. Auf diese Weise würden Terror und Kriminalität durch die digitalen Coins finanziert. Richtig ist, dass Kriminelle sich die (manchmal vermeintliche) Anonymität der digitalen Zahlungsmittel zu nutze machen und beispielsweise im Darknet illegale Geschäfte vollziehen. Grundsätzlich sind Transaktionen mit Kryptowährungen entgegen der weitläufigen Meinung sehr transparent, weshalb auch viele Bitcoin-Straftäter identifiziert und überführt worden sind. Die Transaktionshistorie lässt sich im Fall von Bitcoin von jedem ohne weiteres einsehen. In dem Moment, in welchem die Bitcoins in staatliches Geld zurückgetauscht werden, werden die Pseudonyme im Bitcoin-Netzwerk zu realen Personen. Diese glasklare Transparenz kann jedoch durch Bitcoin-Waschmaschinen oder andere Coins, die eine Art Waschmaschine bereits integriert haben, unterbrochen werden.

Sowohl die Transparenz, wie auch die Intransparenz haben ihre Vor- und Nachteile. Während Staaten eine vollständige Transparenz mit leichten Besteuerungen zu schätzen wissen, ist sie für den Verbraucher ein Albtraum auf dem Weg zur vollständigen Überwachung durch den Big Brother. Die vollständige Intransparenz einiger Kryptowährungen und auch das zur Zeit benutzte Bargeld sind das krasse Gegenteil und eröffnen hingegen viel Spielraum für kriminelle Strukturen wie Terrornetzwerke oder die Mafia. Der goldene Weg liegt vermutlich irgendwo in der Mitte.

Wer also die Intransparenz bestimmter Coins anfechtet, muss ebenso die Intransparenz von Bargeld verurteilen. Es stimmt natürlich, dass der Geldaustausch durch Kryptowährungen über das Internet schneller vollzogen ist als die Geldwäsche mit wahren Scheinen. Trotzdem darf die Konsequenz nicht sein, deswegen die Technik der Blockchain-Technologie oder gar das Internet zu verbieten. Technische Neuerungen können immer für Gutes und für Schlechtes verwendet werden. Aufgabe der Politik sollte es nicht sein, technische Innovationen zu stoppen, sondern vielmehr zu kontrollieren, dass diese nicht missbraucht werden.

Gibt es bald keine Banken mehr?

Ein weiterer nennenswerter Aspekt sind die Auswirkungen auf das Bankenwesen und die Industrie. Letztendlich ist die Blockchain-Technologie ein valider technischer Ersatz zur zentralen Verwaltung von Kontoständen. Für dieses Geschäftsmodell wird die Bankenindustrie zunehmend Konkurrenz bekommen, zweifelsohne bleiben jedoch bestimmte Tätigkeiten der Banken ersatzlos. So stellt sich beispielsweise die Frage, wer sich in einem dezentralen Geldsystem um den Kundenservice und den technischen Support kümmert. Weiterhin verläuft die Kreditvergabe im Bankenwesen in der Regel unter Einbeziehung menschlechicher Aspekte. Darüber hinaus werden verschiedene Kryptowährungen auf online Exchanges gehandelt, welche letztlich auch als Art Banken von morgen betrachtet werden können. Wie die einzelnen Banken diesen Wandel verkraften, wird davon abhängen, ob sie innovativ bleiben und sich anpassen, oder ob sie versuchen, sich gegen die neue Technologie zu stemmen.

Wie reagiert die Industrie auf Blockchain Technologie?

In der Industrie ist zu beobachten, dass eine zunehmende Anzahl von Unternehmen auf die Blockchain-Technologie setzt. Burger King bringt den Whoppercoin, Kodak den Kodak-Coin und IOTA verkündet die Kooperation mit Bosch. Die Anzahl der Möglichkeiten reicht von der Kundenbindung durch digitale Coins, über die Ersparnis von Bankgebühren, bis hin zur Abwicklung sogenannter Micropayments. So könnten in Zukunft die Nutzer im Sekundentakt für eine wlan Nutzung bezahlen oder für einen guten online-Artikel per Mausklick Coins im Wert von z. B. 0,75 Cent verschicken. All das wird uns erwarten, wenn sich die Blockchain-Technologie weiter etabliert hat. Wie bei jeder technischen Revolution werden viele Arbeitsplätze verschwinden, gleichzeitig aber auch neue Arbeitsplätze geschaffen.

Privatpersonen, die Kryptowährungen als Zahlungsmittel nutzen wollen, haben momentan noch mit der nicht besonders benutzerfreundlichen Handhabung zu kämpfen. Ebenso stellen die begrenzte Akzeptanz und die Preisvolatilität ein Problem dar, auch wenn sich letzteres die Krypto-Trader momentan zu Nutze machen. In Zukunft werden diese Probleme jedoch gelöst und mit steigender Verwendung werden auch die Preise stabiler. Langfristig werden sich Kryptowährungen somit von einem Spekulationsobjekt hin zu einem validen Zahlungsmittel entwickeln. Der Anwender kann jedoch heute schon von den nicht vorhandenen Bankgebühren und der relativ hohen Transaktionsgeschwindigkeit auch bei Interkontinentalüberweisungen profitieren.

Nicht vergessen darf man auch, dass es noch immer einige Staaten gibt, die eine ausgesprochen inflationäre Staatswährung haben. Die Staaten, welche sich auf diese Weise bereichern, sind natürlich gleichzeitig die größten Gegner von Kryptowährungen. Sie können als verhältnismäßig wertstabile Zufluchtswährung fungieren. Entsprechend häufig werden Kryptowährungen genau von diesen Staaten als illegal eingestuft.

Kryptowährungen können daher nicht nur als Zahlungsmittel, sondern vielmehr auch als Zufluchtsort fern von Regierungen und Banken verstanden werden. Was einige als liberalen Freiheitsgedanken feiern, wird von anderen als anarchistisches Denken abgestempelt.

Was soll man nun von Kryptowährungen halten?

Die Frage nach dem Gut oder Böse von Kryptowährungen, hat Parallelen zu der Einstellungen gegenüber zentralen Mächten, egal ob Staaten oder Konzernen. Auch hier ist sicherlich kein Schwarz-Weiß-Denken sinnvoll. Während viele Staaten an dem allgemeinen Wohl der Bevölkerung interessiert sind, erreicht diese Benevolenz immer wieder ihre Grenzen, wie an dem Beispiel Wikileaks deutlich wurde:

Nachdem die Enthüllungsplattform das Video “Collateral Murder” im Jahr 2010 veröffentlichte, sahen die USA ihr Image in Gefahr. Das Video gibt den Sprechfunk eines Apache-Kampfhubschrauber-Piloten wider, der im Irakkrieg über die Straßen von Bagdad kreist. Es ist zu sehen, wie der Pilot zwei irakische Journalisten und weitere Zivilisten nieder schießt. Anschließend werden zwei Fahrer eines Kleintransporters niedergestreckt, welche die am Boden liegenden zu bergen versuchen. Kurze Zeit nach Veröffentlichung des Videos beugten sich die Finanzunternehmen VISA, Mastercard und Paypal dem Willen der USA und kündigten Wikileaks alle Bankkonten. Es wird deutlich, wie durch einen solchen Machtmissbrauch der investigative Journalismus und damit die vierte Säule der Demokratie in Gefahr geraten kann. Einer der Hauptgründe, weshalb die Enthüllungsplattform diesen Boykott überlebt hat, sind die Bitcoins, die der Plattform damals zugeflossen sind – Zahlungen, die durch keine zentrale Macht zu verhindern waren.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Kryptowährungen eine technische Innovation darstellen, welche die Welt einfacher machen können. Wie fast jede Technik liegt es in der Hand der Menschen, ob die Technologie für gute und sinnvolle oder kriminelle Zwecke genutzt wird. Eine damit verbundene Umverteilung der Machtverhältnisse von zentralen Instanzen hin zu dezentralen Systemen ist aus gesellschaftspolitischer Sicht aber sicherlich ein Fortschritt. Eine komplett zentrale Machtstruktur, macht zwar ein System sehr agil und handlungsfähig, doch leider werden solche zentralisierten Machtverhältnisse allzu oft ausgenutzt. Das hat uns die Vergangenheit erschreckend gelehrt und die Gegenwart führt es uns immer wieder vor Augen.